Bond-Villain-Chic auf 3.020 m
Wer nach einer Rolex sucht, rechnet für gewöhnlich mit einer langen Wartezeit auf der Warteliste – nicht mit einer Seilbahn-Odyssee samt Höhenmeter-Sammelpass. Seit diesem Sommer ist genau das die neue Realität: Auf 3020 Metern, mitten auf dem Gipfel des Titlis, hat Bucherer gemeinsam mit Rolex die nach eigenen Angaben höchstgelegene Rolex-Boutique der Welt eröffnet. Der Weg dorthin führt über Engelberg, den Titlis Xpress und die Titlis Rotair – die weltweit erste sich drehende Seilbahnkabine –, ehe ein rund 200 Meter langer Stollen die Bergstation mit dem sogenannten Titlis Tower verbindet.
Und dieser Turm ist die eigentliche Attraktion. Wer ihn zum ersten Mal sieht, denkt unweigerlich an ein Schurken-Hauptquartier aus einem frühen James-Bond-Film – ein Vergleich, den sich sogar Stararchitekt Jacques Herzog von Herzog & de Meuron zu eigen macht: Der erste Eindruck von Titlis sei „eher James Bond als Berghütte“, so Herzog selbst. Tatsächlich handelt es sich um keinen Neubau, sondern um einen ehemaligen Richtfunkturm der PTT aus den 1980er-Jahren, der einst der Telekommunikation zwischen den Alpentälern diente. Statt ihn abzureissen, liess das Basler Büro die markante Stahlkonstruktion stehen und ergänzte sie um zwei horizontale, verglaste Stahlkörper, die kreuzweise in den bestehenden Turm eingeschoben wurden – ein Schweizerkreuz, das man am besten aus dem Helikopter erkennt. Vier neue vertikale Erschliessungskerne – zwei mit Treppen, zwei mit Lifts – wurden an den Ecken der alten Stahlstruktur angedockt. Die Umbauzeit betrug drei Jahre, die Turmspitze samt Antennen ragt 76 Meter in den Himmel, und das gesamte Bauprojekt inklusive neuer Bergstation kostet rund 150 Millionen Franken.
Konstruktiv bemerkenswert: Die beiden neuen Baukörper sind – dank ihrer aussenliegenden, tragenden Stahlrahmen – komplett stützenfrei. Im unteren der beiden Riegel liegt die Rolex-Boutique, im oberen ein Restaurant mit 140 Sitzplätzen und „Casual Fine Dining“-Anspruch (Dreigang-Menü ohne Wein: knapp 100 Franken). Materialisiert ist das Ganze konsequent mit verzinktem und rostfreiem Stahl, Sichtbeton und Glas – nur im Restaurant darf Holz für etwas Wärme sorgen. Auf der Turmspitze wartet eine 360-Grad-Aussichtsplattform mit Blick weit in die Zentralschweizer Bergwelt.
Die Boutique selbst, rund 200 Quadratmeter gross im sechsten Stock, spielt bewusst nicht die Hauptrolle gegen die Kulisse aus Fels, Eis und Wolken: Naturstein, amerikanischer Nussbaum, grüner Verde-Alpi-Marmor, geräucherte Eiche und geriffelte Wandelemente, die dezent an Rolex-Lünetten erinnern, halten sich zurück, während raumhohe Glasfronten den Blick nach draussen freigeben. Ein Lounge- und Barbereich lädt dazu ein, Daytona, Submariner & Co. in aller Ruhe zu studieren – und sie, anders als im Tal, oft sogar sofort mit nach Hause zu nehmen.
Im September wird der Titlis Tower offiziell in die „World Federation of Great Towers“ aufgenommen, in bester Gesellschaft von Eiffelturm, Burj Khalifa und Shanghai Tower. Mit 56 Metern reiner Turmhöhe ist er dort zwar ein Winzling – doch wegen der aussergewöhnlichen Architektur und der 3020 Meter darunter hat es trotzdem gereicht. Kurzum: eine Festung wie für einen Bond-Bösewicht gebaut, die sich zufällig auch hervorragend für den Kauf einer neuen Uhr eignet.