Braunschweigs mutiger Taktwechsel

Wie aus einem leerstehenden Karstadt-Gebäude das „Haus der Musik" wird

Standort: Ehemaliges Karstadt-Gebäude am Gewandhaus, Poststraße, Braunschweig

Bauherr/Träger: Stadt Braunschweig und Unternehmen New Yorker (Familie Knapp); künftig gemeinsame Stiftung

Siegerentwurf: ADEPT, Kopenhagen/Hamburg

Architekt: ADEPT / @adeptarchitects

Visualisierung: Aesthetica Studio / @aesthetica_studio

Fläche: rund 18.000 m² gesamt (Bestand: ca. 10.000 m² ehemalige Verkaufsfläche)

Kosten: noch nicht beziffert – Schätzung folgt auf Basis des Wettbewerbsergebnisses

Zeitplan: Baubeginn/Fertigstellung noch offen

„Die Dinge, die du besitzt, besitzen am Ende dich", lässt Chuck Palahniuk seinen Tyler Durden sagen. Vier Jahre lang hat das leere Karstadt-Kaufhaus am Braunschweiger Gewandhaus genau das bewiesen: rund 10.000 Quadratmeter Verkaufsfläche, die niemand mehr besitzen wollte. Jetzt kommt die Wende – und ausgerechnet die Musik befreit das Gebäude von seiner Kaufhaus-Vergangenheit.

Zehn Architekturbüros aus ganz Europa haben sich der Frage gestellt, die derzeit viele Innenstädte umtreibt: Was macht man mit den leeren Kathedralen des Einzelhandels? Den Wettbewerb, ausgelobt vom Braunschweiger Unternehmer Friedrich Knapp (New Yorker) gemeinsam mit der Stadt, gewann das Kopenhagener Büro ADEPT. Ihr Entwurf erhält den Bestand größtenteils, setzt aber ein neues, aus Schiefer geschwungenes Dach darüber – eine Reminiszenz an die alte Fassade, innen aus Holz, mit einer Leichtigkeit, die einlädt.

Kein Abriss-Neubau-Heldenepos also, sondern behutsame Transformation: Die unteren Geschosse bleiben der Musikschule, darüber wächst der Konzertsaal, verbunden durch ein Foyer, das sich wie ein Resonanzraum durch alle Ebenen zieht. Genau die Balance, die auch die Jury lobte: „zwischen Erhalt, Transformation und Innovation."

Für mich als jemand, der seit 20 Jahren mit Bauherren und ihren komplexen Projekten zu tun hat, ist die eigentliche Geschichte dahinter fast noch spannender: ein Unternehmer, eine Kommune und eine gemeinsame Stiftung, die aus einem Verlust – dem sterbenden Einzelhandel – etwas Neues schaffen wollen. Der Ratsbeschluss ist gefallen, die Stiftungsgründung soll 2026 folgen. Wie Nietzsche sagte: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum." Braunschweig will diesen Irrtum jedenfalls nicht riskieren.

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